Aus dem Blog

s’Elli (Ciao Ciao Svizzera)

Wie fast jede Reise, startet auch diese direkt vor der Haustür. Nun gut, vielleicht nicht direkt vor der Haustüre, aber mindestens nicht weit entfernt: am Bahnhof (oder vielleicht auch am Bahnhof des Nachbardorfes, oder der nächstgelegenen Stadt). Von dort führt sie uns weiter, nach Italien, doch erst einmal sind wir noch hier und sehen …

s’Elli

Vielleicht kennt ihr das Lied noch, so wie ich, aus eurer Pfadi-Zeit (Wer es nicht kennt, kann es sich hier anhören). Es gehört ganz ohne Frage zu den wohl traurigsten Liedern, die im Pfadi-Liederbuch Rondo zu finden sind. Damals wie heute jagt es mir Tränen in die Augen, so wie im Lied auch Elli Tränen über die Wangen kullern. Die Worte stammen aus der Feder des Singer/Songwriters André Stürzinger und wurden 1990 veröffentlicht. Um als traditionelles Kinderlied durchzugehen, ist es offensichtlich zu jung. Dennoch finde ich, kann es als Kulturgut der Schweiz betrachtet werden, denn es zeigt auf ehrliche, direkte und unmissverständliche Art, einen Teil der jüngeren Schweizer Geschichte auf, und lässt uns die mit den damaligen Ereignissen verbundenen Ängste, die sich in den Köpfen der betroffenen Menschen nicht nur breit machten sondern sich für einige auch bewahrheiteten, erfahren.

Die Hintergründe

Um Ellis Geschichte besser verstehen zu können, soll an dieser Stelle weiter zurück in die Vergangenheit: ins 19. Jahrhundert.
Eine Zeit, geprägt von der Industrialisierung und damit einhergehend einem rasantem Wachstum: Wachsende Städte, der Bau von Kraftwerken, Eisenbahnnetzen und Tunnel verlangten nach Arbeitskräften, die in der Schweiz nicht vorhanden waren. Die Folge war eine verstärkte Einwanderung aus dem Süden. Die Italiener waren willkommene Arbeiter, arbeiteten fleissig, für wenig Geld, unter teilweise miserabelsten Bedingungen, die nicht selten einen verfrühten Tod zur Folge hatten. Doch mit der Zunahme an italienischen Gastarbeitern, wuchs auch die Missgunst und der Fremdenhass, der sich beispielsweise 1893 im Käfigturmkrawall in Bern oder 1896 im Italienerkrawall in Zürich zeigte, in welchen nicht nur italienische Geschäftslokale und Restaurants verwüstet, sondern auch italienische Arbeiter tätlich angegriffen wurden.

Durch die Zunahme der politischen Unruhen in Europa und den nahenden ersten Weltkrieg wurde die Migration innerhalb Europa stark eingegrenzt und so nahm der Ausländeranteil in der Schweiz wieder ab. Erst nach dem zweiten Weltkrieg, als ein Grossteil Europas einem Scherbenhaufen gleicht war, wurde die Schweiz wieder attraktives Einwanderungsland: Die Schweizer Wirtschaft war intakt geblieben, es mangelte ihr lediglich an Arbeitskräften – Italien hingegen hatte um die 2 Millionen Arbeitslose. 1949 wurde schliesslich ein erstes Abkommen zwischen den zwei Staaten geschlossen, das die Arbeitsmigration regelte. Dies hatte eine boomende Schweizer Wirtschaft zur Folge, aber auch einen starken Anstieg des Ausländeranteils – und parallel dazu lebte die Angst der Überfremdung und der Fremdenhass wieder auf. Und dies obwohl die Situation der Gastarbeiter wohl kaum beneidenswert war: Sie lebten am Rande der Gesellschaft, in Baracken und notdürftigen Unterkünften und auch wenn sie schon seit Jahren in der Schweiz arbeiteten, lebten und Steuern zahlten, durften ihre Kinder nicht nachkommen. Sogar Kinder von Gastarbeitern, die in der Schweiz zur Welt kamen, wurden nach Italien abgeschoben oder in Kinderheime gesteckt. Als Mutter fällt es mir leicht, nachzuvollziehen, weshalb viele ihre Kinder vor den Behörden versteckten oder es zumindest versuchten.

Bis Ende der 60er-Jahre stieg der Ausländeranteil in der Schweiz auf über 17%, die Zahl der Italiener auf über 500’000 an. Die Folge: Angst vor Überfremdung und wachsender Hass gegenüber der italienischen Gemeinschaft. Sie wurden als “braune Söhne des Südens” betitelt, als “schleichende Krankheit” oder “artfremdes Gewächs” und als ernsthafte Bedrohung für das Zusammenleben in der Schweiz gesehen. An vielen Restaurants und Geschäfter waren Schilder mit der Aufschrift “für Hunde und Italiener verboten” angebracht. Die 2. Überfremdungsintitiative, die Schwarzenbach-Initiative von 1970 verlangte die Reduktion des Ausländeranteils auf 10% und hätte die Ausweisung einer halben Million “Gastarbeiter” bedeutet – nur knapp, mit 54%, wurde sie abgelehnt (Dazu hier ein Nachrichtenbeitrag der SF aus dem Jahre 1970).

Im Angesicht der unsicheren Zukunft (es folgten weitere Überfremdungsinitiativen), hatten sich viele in der Schweiz lebenden Italiener in Italien stets ein zweites Standbein gehalten und das Land früher oder später verlassen. Viele sind aber auch geblieben – vor allem die Kinder der früheren Gastarbeiter. Wie Elli sind sie hier aufgewachsen, hier zur Schule gegangen, haben hier ihr soziales Umfeld, sind hier zu Hause. Sie sind, wie auch ihre Kinder, die “3. Ausländergeneration”, längst fester Bestandteil unserer Gesellschaft und werden von dieser kaum mehr als Ausländer angesehen.

Fazit

Das Kinderlied zeigt an einer fiktiven, aber authentischer Geschichte die (möglichen) Folgen der Fremdenpolitik der Schweiz im 20. Jahrhundert auf. Die Geschichte von Elli kann aber auch exemplarisch gesehen werden, denn überall auf der Welt, und zu allen Zeiten schon, gab und gibt es Migration – Völkerwanderungen, Eroberungen, Flüchtlingsströme – Menschen auf ihrer Reise in eine ungewisse Zukunft. So könnte die Geschichte von Elli genauso gut vor 200 Jahren gespielt haben, vor 2000 Jahren, oder aber auch gerade jetzt in diesem Moment. Und ebensogut könnte die Geschichte von jedem anderen Ort stammen. So sind Kinderlieder mit ähnlicher Thematik auch in anderen Ländern und zu anderen Zeiten zu finden. Im folgenden sollen einige davon kurz vorgestellt werden:

– My bonnie (lies over the ocean), ein traditionelles Schottisches Kinderlied mit ungewissem Ursprung. Es wird angenommen, dass sich Bonnie, ein schottischer Begriff der in etwa hübsch, nett, attraktiv oder ähnliches bedeutet, auf Charles Eduard Stuart (genannt Bonnie Prince Charlie) bezieht und gesungen wird seit sich dieser 1746 ins Exil begeben musste.

– Botany Bay, ist ein traditionelles Australisches Kinderlied. Es erzählt von den ersten englischen Einwanderer Australiens, die 1788 gezwungen wurden ihr Heimatland zu verlassen und nach einer gefährlichen Überfahrt in Botany Bay, dem heutigen Sydney, ein neues Leben zu beginnen.

– Im Land der Blaukarierten, Klaus W. Hoffmann, ein modernes Kinderlied, das nicht die Auswanderung, sondern das Einwandern in einem fremden Land thematisiert – und dies auf eine wundervoll simple Weise, so dass es auch die Kleinsten schon verstehen. Ein Plädoyer für Toleranz gegenüber dem Anderssein und für eine multikulturelle Gesellschaft.

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