Aus dem Blog

Das Schiff, woher kommt es (Niederlande)

 

Passend zum morgigen Samichlaustag, dreht sich im nächsten Lied unserer “Kinderlieder-Weltreise” alles um den Nikolaus. Der reist bekanntlich ebenfalls um die Welt – es erstaunt deshalb wenig, dass in den verschiedensten Ländern und Sprachen über und für ihn gesungen wird.

Zie ginds komt de stoomboot
(Das Schiff, woher kommt es?)

Das Lied, das ich für unsere Reise ausgesucht habe, stammt aus den Niederlanden und berichtet von der Ankunft von Sint Nicolaas (auch Sintererclaas). Dieser kommt nicht etwa mit dem Eseli aus dem Walde, wie es hierzulande oft erzählt wird. Er kommt auch nicht vom hohen Norden, auf seinem Schlitten mit Rentiergespann. Nein, in Holland fährt Sint-Nikolaus bereits im November auf einem Schiff ein, das von seiner Heimat Spanien herkommt. In Rot gekleidet, mit weissem Bart, reitet er auf seinem Pferd vom Schiff und wird von einer wartenden Kinderschar empfangen. Auch sein Knecht (Zwarte Piet; sein Name wird im ursprünglichen Lied nicht genannt) begleitet ihn, und teilt den Kindern mit, dass die artigen Leckeres kriegen und die Unartigen die Rute. Auf die Bitte der Kinder, sie zu Hause zu besuchen, reitet Sinterklaas in der Nacht vom 5. auf den 6. Dezember über die Dächer der Häuser und bringt den Kindern durch den Schornstein die Geschenke.
Den gesamten Text des Liedes findet ihr hier (Niederländisch) und eine deutsche Übersetzung davon hier (nicht wortgetreue Übersetzung, dafür gut mit der Melodie vereinbar 🙂 ).

Der Text wurde von Jan Schenkmann geschrieben und Mitte des 19. Jahrhunderts das erste Mal veröffentlicht. Die Melodie des Liedes ist aber schon viel älter: Sie geht zurück auf das Lied “Wann d’ Hoffnung nicht wär”, das bereits 1737 vom deutschen Benediktinermönch Valentin Rathgeber komponiert wurde. Die Melodie findet sich auch in anderen Volkslieder wieder, so zum Beispiel im Lied “Im Märzen der Bauer” ( *** ).

Die Hintergründe

Dass grosse Gemeinsamkeiten zwischen Sinterklaas und dem Samichlaus vorhanden sind, lässt sich einfach erklären – schliesslich handelt es sich um ein und diesselbe Figur: Nikolaus von Myra, der in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts Bischof von Myra (heute: Demre, Türkei) war. Sein Wirken hatte zur Entstehung verschiedenster Legenden beigetragen, und obwohl sich diese teilweise auch auf den gleichnamigen Abtes des Klosters Sion bei Myra beziehen, war es Nikolaus der schliesslich zu einem der bekanntesten Heiligen des Christentums wurde.

Eine dieser Legenden hat Jacobus a Voragine, Erzbischof von Genua, einige hundert Jahre nach dem Tod von Nikolaus aufgeschrieben und im Buch Legenda aurea veröffentlicht. Sie erzählt, wie Seeleute mit ihrem Schiff in einem starken Sturm in Seenot gerieten. Als ihr Schiff zu kentern drohte flehten sie um Hilfe, worauf ein Unbekannter erschien, der ihnen half, die Segel wieder zu richten und das Schiff auf den richtigen Kurs zu bringen. Auch legte sich der Sturm dank der unbekannten Gestalt, worauf diese wieder verschwand. Als später die Seeleute in der Kirche von Myra für das Wunder ihrer Errettung dankten, erkannten sie in Nikolaus die ihnen erschienene Gestalt wieder. Seitdem gilt Sankt Nikolaus – unter anderem – als Schutzpatron der Seeleute.

Eine andere Legende, ebenfalls niedergeschrieben im Legenda aurea, berichtet von Nikolaus und dem Kornwunder. Zur Zeit in der Nikolaus in Myra als Bischof wirkte, wurde die Provinz von einer Hungersnot heimgesucht: die Ernte fiel schlecht aus und viele Menschen wurden krank und starben. Eines Tages hörte Nikolaus, dass im Hafen ein Schiff ankerte, das mit Korn geladen war. So begab er sich dorthin und bat die Seeleute um Hilfe. Doch diese bedauerten – das Korn wäre in Alexandrien gewogen worden und genau diese Menge müssten sie beim Kaiser abliefern. Der Bischof aber liess nicht locker, bis er schliesslich doch zwei Säcke voll Weizen erhielt. Als Dank versprach er ihnen, dass sie keine Verluste haben werden, und dem Kaiser trotz allem die genaue Menge Korn abliefern werden. Erst als die Diener des Kaisers die Weizensäcke durchzählten, und feststellten, dass keiner fehlte, glaubten die Seeleute an das Wunder, das Nikolaus vollbrachte. Nikolaus seinerseits verteilte das Getreide an die Hungernden – es reichte für ganze zwei Jahre und darüberhinaus für eine neue Aussaat.

Fazit

Diese verschiedenen Legenden um die Heilige Figur führten schliesslich zusammen mit den unterschiedlichen Umständen in den einzelnen Ländern und Regionen zu den verschiedensten Traditionen, die mit Sankt Nikolaus in Verbindung stehen. Weil für Holland als frühe Kolonialmacht die Schifffahrt sehr wichtig war, beziehen sich holländische Nikolaus-Traditionen also insbesondere auf den Sankt Nikolaus als Patron der Seefahrer – entsprechend kommt er mit dem Schiff. In der Schweiz war die Seefahrt nicht wirklich bedeutend, und Seenot war eine Not, die den wenigsten Menschen hierzulande widerfahren konnte. Die Hungersnöte hingegen kannte man auch hier. Die Legende um das Kornwunder war wohl bedeutender – und so bringt der Samichlaus bei uns ein Säcklein voll Nuss und Birre und wird aber eher selten mit der Schifffahrt assoziiert. Dass er nicht auf einem weissen hohen Ross, sondern mit einem Eseli kommt, hängt wohl damit zusammen, dass damals in der doch eher ärmlichen Schweiz ein Esel eher zu finden edles war, als ein edles Pferd.

Der Brauch, leere Socken oder Strümpfe aufzuhängen, damit sie in der Nacht von Nikolaus gefüllt werden können, bezieht sich auf eine weitere Legende um den Wohltäter aus Myra – diese Geschichte würde den Rahmen aber definitiv sprengen daher verabschiede ich mich und wünsche allen frohen Samichlaus 🙂

 

 

 

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